⏱ 4 Min. Lesezeit · Stand: 07.08.2026
Die klassische Portfoliotheorie, die Diversifikation als Schutzmechanismus propagiert, zeigt in extremen Marktphasen erhebliche Schwächen. Korrelationen steigen in Krisenzeiten, was den erhofften Schutz der Anleger untergräbt.
- Diversifikation funktioniert in ruhigen Marktphasen.
- In Krisenzeiten steigen Korrelationen zwischen Anlageklassen.
- Die Annahme von Normalverteilungen unterschätzt Tail-Events.
Die klassische Portfoliotheorie, die Diversifikation als einen der Grundpfeiler der Finanzplanung betrachtet, zeigt in extremen Marktphasen erhebliche Schwächen. In ruhigen Zeiten kann eine breite Streuung von Anlagen tatsächlich dazu beitragen, das Risiko zu minimieren. Doch in Krisenzeiten, wie sie in den letzten Jahren immer wieder auftraten, versagt dieser Schutzmechanismus. Die Korrelationen zwischen verschiedenen Anlageklassen steigen sprunghaft an, was bedeutet, dass viele Anlagen gleichzeitig an Wert verlieren. Dies stellt die Annahme in Frage, dass Diversifikation immer eine sichere Strategie ist.
Was ist Diversifikation und wie funktioniert sie?

Diversifikation ist ein grundlegendes Konzept in der Finanzwelt, das darauf abzielt, das Risiko eines Portfolios zu minimieren, indem verschiedene Anlageklassen kombiniert werden. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn eine Anlage an Wert verliert, kann eine andere Anlage diesen Verlust ausgleichen. Die Kennzahl, die beschreibt, wie stark sich zwei Märkte oder Anlageklassen gemeinsam bewegen, ist die Korrelation. Ein Wert nahe null bedeutet, dass die Kursentwicklungen weitgehend unabhängig voneinander verlaufen, während ein Wert nahe eins darauf hinweist, dass sie sich im Gleichschritt bewegen.
In normalen Marktphasen, in denen die Korrelationen zwischen verschiedenen Anlageklassen moderat und stabil bleiben, kann Diversifikation tatsächlich eine stabilisierende Wirkung erzielen. Anleger setzen oft auf eine Mischung aus Aktien, Anleihen und anderen Vermögenswerten, um ihr Risiko zu streuen und die Volatilität zu reduzieren.
Die Rolle von Korrelationen in Krisenzeiten
Die Realität sieht jedoch anders aus, wenn es zu extremen Marktbewegungen kommt. In einer einflussreichen Studie von François Longin und Bruno Solnik wurde festgestellt, dass die Korrelation zwischen großen Aktienmärkten in Abschwungphasen deutlich ansteigt. Während sich in Zeiten positiver Renditen die Korrelationen auf einem niedrigen Niveau bewegen, tendieren sie in Zeiten starker negativer Renditen dazu, enger zusammenzuziehen. Dies bedeutet, dass je ausgeprägter der Kursrückgang ist, desto mehr ziehen die Märkte an einem Strang.
Diese Erkenntnis ist alarmierend für Anleger, die auf Diversifikation setzen, um sich vor Verlusten zu schützen. Die Annahme, dass internationale Streuung auch in schweren Krisen schützt, erweist sich als trügerisch. In der Praxis verlieren viele Anlagen gleichzeitig an Wert, was die Diversifikation ineffektiv macht.
Warum gängige Modelle die Gefahr unterschätzen
Die meisten Standardmodelle der Portfoliotheorie basieren auf der Annahme einer multivariaten Normalverteilung. Diese Annahme geht davon aus, dass Renditen einer bestimmten Glockenkurve folgen und extreme gemeinsame Verluste entsprechend selten sind. Longin und Solnik wiesen jedoch nach, dass diese Annahme für die negativen Extrembereiche der Verteilung statistisch klar abgelehnt werden muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere große Märkte gleichzeitig stark einbrechen, ist demnach erheblich größer, als Normalverteilungsmodelle es vorhersagen würden.
Zusätzlich hat die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrer Analyse zu Korrelationen unter inflationären Bedingungen darauf hingewiesen, dass sich Korrelationen zwischen Anlageklassen verschieben können, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld grundlegend verändert. Dies bedeutet, dass Anleger, die sich auf historische Korrelationen verlassen, möglicherweise in die Irre geführt werden.
Die Auswirkungen auf Anleger und Märkte
Für Anleger hat dies weitreichende Konsequenzen. Wer sein Portfolio auf mehrere Anlageklassen und Märkte verteilt, geht oft davon aus, dass er sich vor Verlusten schützen kann. Doch in Krisenzeiten, wie etwa während der Finanzkrise 2008 oder der COVID-19-Pandemie, zeigte sich, dass viele Anlagen gleichzeitig an Wert verloren. Dies führte zu massiven Verlusten für viele Anleger, die auf Diversifikation vertrauten.
Die Erkenntnis, dass Diversifikation in extremen Marktphasen nicht den erhofften Schutz bietet, zwingt Anleger dazu, ihre Strategien zu überdenken. Es ist wichtig, sich der Risiken bewusst zu sein und die Portfolios regelmäßig zu überprüfen, insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit.
Praktische Tipps für Anleger
Zusätzlich sollten Anleger in Betracht ziehen, sich über alternative Anlageformen wie Immobilien oder Rohstoffe zu informieren, die möglicherweise weniger anfällig für die gleichen Marktbewegungen sind. Eine breitere Diversifikation über verschiedene Anlageklassen hinweg kann helfen, das Risiko zu streuen und die Auswirkungen von Marktkrisen zu verringern.
Fazit

Die Schwachstelle der Portfoliotheorie wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Während Diversifikation in ruhigen Marktphasen funktioniert, versagt sie in extremen Situationen, wenn Korrelationen zwischen Anlageklassen sprunghaft ansteigen. Anleger sollten sich dieser Risiken bewusst sein und ihre Strategien entsprechend anpassen, um potenzielle Verluste zu minimieren. Eine regelmäßige Überprüfung der Portfolios und die Berücksichtigung alternativer Anlageformen können entscheidend sein, um in unsicheren Zeiten erfolgreich zu investieren.
Häufige Fragen
Warum funktioniert Diversifikation nicht in Krisenzeiten?
Was sind Tail-Events?
Wie beeinflussen Korrelationen die Portfoliostruktur?
Was sagt die Forschung zur Korrelation zwischen Märkten?
Wie sollten Anleger auf diese Erkenntnisse reagieren?
Quellen: finanzen.net
Symbolbild: Diversifikation in Krisenzeiten analysieren · Foto: Alex Luna / Pexels


